MEDEAKOMPLEX

„ AN WELCHEM PUNKT UNSERES WEGES BIN ICH EIGENTLICH VERLOREN GEGANGEN?“

Von ihrer großen Liebe in eine neue Heimat geführt, kämpft Maria zwischen aufgedrückten Rollen. Als liebende Frau und Mutter, versucht sie alle Erwartungen zu erfüllen. Stück für Stück spürt sie, wie sie sich immer mehr verliert bis zu dem Punkt, an dem sie plötzlich ohne alles und jeden da steht.
In ihrer Not findet sie Halt in den offenen Armen einer vermeintlichen Leidensgenossin.

Heute, auf Jannes Beisetzung erleben wir ihre Konfrontation mit einer lang verschlossenen Wahrheit.

Ein Spiel ohne Gewinner.

Ein Abend zwischen den Welten.

 

Ein Stück ohne Anfang und Ende

 

 

MEDEAKOMPLEX

 

An welchem Punkt ist eine Verletzung so groß, dass sie keine Vorstellung von Heilung mehr zulässt? Wer entscheidet über die Grenze dessen, was erträglich ist? Was bedeutet es, die eigenen Kinder, das absolut zu Liebende und Geliebte, als fremde und zerstörerische Wesen anzusehen? Wie entsteht die Vorstellung von Gewalt aus der Angst des Verlustes der eigenen Existenz?

Medea sagt lauter ICH als jede andere Figur in der Theatergeschichte. Sie sagt es so absolut und so konsequent, dass sie alles in Frage stellt, was einer Vorstellung von Konsens mit jedem Wert, der Gesellschaft ermöglicht, negiert. Wer ist Medea? Ist sie archaisch oder modern?
Johanna Maria Seitz, die Gewinnerin des Autorenwettbewerb des FAT Frankfurter Autoren Theaters 2016/2017 vernetzt die Version von Heiner Müller mit der Biographie einer betrogenen Ehefrau, die den Schmerz über den Verlust des eigenen Glücks nicht erträgt. Die Bilder werden schmerzlicher, weil sich die Sprache des Alltags und die Bilder einer Welt, die wir kennen, über die Abgründe der antiken Archaik von Medea schiebt.


Katharina Veciana ist eine junge Schauspielerin, die sich der Herausforderung stellt und sich dem Ungeheuerlichen aussetzt gemeinsam mit der Regisseurin Michaela Conrad.
Drei Frauen ohne keine Kinder. Drei Frauen mit einer starken Phantasie. Alle Drei machen Theater. Der Ort, an dem die scheinbar undenkbaren Dinge real werden. Im Frankfurter Autoren Theater sind Sie dem Geschehen so nah, wie Sie es nur sein können.

 

Ein trauriges Leben

 

„Medeakomplex“ von Johanna Maria Seitz, spannend in der Brotfabrik.

 

Die junge Frau sitzt auf dem Boden, die gebeugten Beine gekreuzt, das dünne Kleid über die Knie gezogen. Inmitten der Umzugskartons, die von einem Aufbruch zeugen, erzählt sie ihre Geschichte. Es ist die einer verlassenen, aber nicht wehrlosen Gattin und Mutter. Schon oft ist das Schicksal der mythologischen Figur Medea, die eine lange Spur des Todes nach sich zieht, in der Literatur aufgegriffen, variiert und psychologisiert worden. Die Schauspielerin und Autorin Johanna Maria Seitz konzentriert sich in ihrer Version auf das Verhältnis der Protagonistin zu ihrem Mann und ihre Stellung in einer heutigen Gesellschaft. Katharina Veciana übernimmt in der Brotfabrik die Hauptrolle in Michaela Conrads Inszenierung von „Medeakomplex“ für das Frankfurter Autoren Theater.

 

Knapp eine Stunde lang dauert ihr Monolog. Er beginnt als Trauerrede auf Jannes, den verstorbenen Ehemann.... „War ich dir nicht Frau genug?“, fragt Maria...Und doch bannt diese verlorene Liebe, von der die Darstellerin in ruhigen Worten erzählt. Nur manchmal entfährt ihr ein lauter Schrei, der den Schmerz offenbart, der in Maria tobt. Der sie zu Taten treibt, die nicht angemessen erscheinen. Sie schneidet sich den Finger mit dem Ehering ab, damit ihr Mann für immer etwas von ihr besitzt. Und obwohl sie als sorgende Mutter zu ihren Söhnen redet, bleiben auch diese nicht verschont.

 

In ihren Text hat Seitz geschickt Zitate aus Heiner Müllers „Medeamaterial“ eingeflochten, die sich harmonisch einfügen. Die von Reflexion zeugen, aber auch von der Hilflosigkeit gegenüber der Macht der eigenen Triebe. Und die, in Kombination mit Seitz’ Text zu einer intensiven Spannung führen. Regisseurin Conrad hat auf fast alles verzichtet, was davon ablenken könnte. Dies und das leise, zurückgenommene und dennoch eindringliche Spiel ihrer Darstellerin, die nur ab und an herumläuft oder suchend in den Kisten wühlt, lassen die Zuschauer zu Voyeuren werden, die ihre Blicke nicht abwenden, ihre Ohren nicht verschließen können vor den Intimitäten eines traurigen Lebens.

 

Frankfurter Rundschau, 15.11.2017

 

 

 

MEDEA HAT VIELE SCHWESTERN

"Ich will euch erzählen, wie Jannes wirklich war", sagt Maria zu der Trauergemeinde (dem Publikum), in der wenigstens noch ihre beiden Söhne sitzen. Und dann beginnt sie mit leiser Stimme zu erzählen...

 

...Da ist nur eine Dreiviertelstunde vergangen, aber eine höchst spannende, die dem Zuschauer kein Abschweifen gestattet, weil ihn sein Gegenüber nicht entlässt. Es ist der dichte, geschickt mit antiken Zitaten spielende Text, der zielgerichtet auf die Katastrophe zutreibt, ohne das Ende preiszugeben.

 

Hochkonzentrierte Inszenierung

Es ist die Inszenierung, die auf jede Ablenkung verzichtet, die keinerlei Leerlauf zulässt und keinerlei Ablenkung durch ein verspieltes Bühnenbild: Ein bisschen Grabschmuck und ein großes, die Bühne abteilendes weißes Tuch genügen. Hinter dem taucht, wie in der Erinnerung, schemenhaft beleuchtet, Jannes (Benjamin Jorns) auf. Erst als Maria das Tuch herunterreißt, tritt er in die Realität ein, wird der Konflikt greifbar - eine spannende Darstellung von Trauerarbeit...

 

Faszination des Leisen

Und es ist die Darstellung von Johanna Maria Seitz. Sie wird nur einmal laut, als sie das trennende Tuch herunterreißt. Ansonsten spielt sie äußerst geschickt mit den Nuancen des Leisen, der Verletzlichkeit, die den Zuschauer zum Voyeur machen, der aber zuhören muss, um keine der Nuancen zu verpassen. Auch in ihren Bewegungen, in ihrer Mimik ist sie sparsam, nach Innen gerichtet, aber sie ist ständig mit dem Zuschauer in Kontakt...

 

..."Wie lebst du in den Trümmern deines Leibs mit den Gespenstern deiner Jugend?" Der Satz von Heiner Müller steht wie ein Leitmotiv, das jetzt in der "Besonderen Reihe" im Intimen Theater seine Uraufführung erlebte.

 

Main-Post, 27.07.15